Es gibt Orte, die jeder kennt.
Der Stephansdom, die Hofburg, die Staatsoper. Sie prägen das Bild Wiens und sind für viele Besucher der erste Anlaufpunkt. Wer jedoch nur diese Sehenswürdigkeiten erlebt, lernt die Stadt nur von einer Seite kennen.
Mich interessieren seit vielen Jahren die Orte dazwischen.
Die schmalen Gassen, die kleinen Plätze, die versteckten Innenhöfe — nur wenige Schritte von den bekannten Wahrzeichen entfernt. Es sind jene Orte, an denen man automatisch langsamer wird, den Blick hebt und Details entdeckt, die im Trubel der großen Plätze leicht verloren gehen.
Für mich beginnt dort das eigentliche Wien.

Zu meinen Lieblingsorten gehört die Blutgasse.
Sie liegt mitten im ersten Bezirk und doch wirkt sie, als hätte sie sich dem Rhythmus der Stadt ein Stück weit entzogen. Kopfsteinpflaster, schmale Häuser, verwinkelte Fassaden — ein Wien vergangener Jahrhunderte. Hier geht es nicht darum, möglichst schnell von einem Ort zum nächsten zu kommen.
Man bleibt stehen. Nicht weil man muss, sondern weil man etwas entdeckt.
Was ich an der Blutgasse besonders schätze, sieht man oft erst auf den zweiten Blick. Zwischen den alten Häusern öffnen sich kleine Durchgänge. Hinter schweren Toren verbergen sich Innenhöfe, die von außen kaum zu erkennen sind. Jeder dieser Orte wirkt ein wenig anders — und genau das macht ihren Reiz aus.


Für dieses Editorial war die Blutgasse der Ausgangspunkt unseres Spaziergangs.
Nicht mit dem Ziel, möglichst viele bekannte Plätze zu fotografieren, sondern mit der Idee, Orte zu finden, die einer Bildserie Charakter geben, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen.
Denn genau darin liegt für mich gute Portraitfotografie.
Die Umgebung darf ein Bild prägen. Sie sollte es aber niemals dominieren. Der Mensch bleibt immer die Hauptperson.

Die entstandene Bildserie orientiert sich an einer modernen Form der Executive-Portraitfotografie. Klare Linien, natürliche Bewegungen und eine reduzierte Bildsprache rücken den Menschen in den Mittelpunkt. Die Stadt liefert den Charakter, nicht die Inszenierung.
Für dieses Editorial arbeitete ich gemeinsam mit dem Wiener Model Anna Bronner (@annaa_bronner). Die entstandene Bildserie diente bewusst dazu, eine moderne Executive-Bildsprache weiterzuentwickeln und unterschiedliche Bildideen in den historischen Gassen der Wiener Innenstadt zu erproben.
Freie Arbeiten wie diese sind für mich ein wichtiger Teil des kreativen Prozesses. Sie schaffen Raum für neue Ideen, neue Perspektiven, neue Bildkompositionen — und fließen später zurück in Portraits von Unternehmerinnen, Führungskräften und Expertinnen.


Vielleicht ist das der Grund, warum ich immer wieder hierher zurückkehre.
Nicht, um dieselben Orte erneut zu fotografieren — sondern weil sie sich nie gleich anfühlen. Das Licht verändert sich. Die Jahreszeiten verändern sich. Und mit jedem Menschen verändert sich auch der Blick auf die Stadt.
Vielleicht liegt genau darin der besondere Reiz der Wiener Innenstadt. Ihre bekanntesten Sehenswürdigkeiten kennt jeder. Ihre schönsten Seiten entdeckt man erst, wenn man bereit ist, den nächsten Schritt zu gehen.
Für mich beginnt Fotografie oft genau dort, wo der Stadtplan endet.

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