Fotografiert mit
Nikon Z9 · NIKKOR Z 50 mm f/1.8 S · Godox AD300 Pro · Adobe Camera Raw
Als ich dieses Bild zum ersten Mal gezeigt habe, wurde ich immer wieder dieselbe Frage gefragt.
„Warum ist es so dunkel?"
Interessanterweise fragte fast niemand nach der Kamera oder dem Objektiv. Niemand wollte wissen, welcher Blitz verwendet wurde oder welche Einstellungen ich gewählt hatte.
Die erste Reaktion war fast immer dieselbe:
„Warum sieht das Bild so aus?"
Genau diese Frage gefällt mir.
Denn sie bedeutet, dass der Betrachter nicht über Technik spricht. Er spricht über Wirkung.
Und genau dort beginnt für mich gute Fotografie.
Licht ist nicht dazu da, alles sichtbar zu machen
Über viele Jahre wurde uns vermittelt, dass ein gutes Porträt möglichst perfekt ausgeleuchtet sein muss.
Jede Gesichtspartie soll sichtbar sein. Jeder Schatten aufgehellt. Jede Hautstruktur möglichst makellos.
Ich sehe das heute anders.
Licht dient für mich nicht dazu, alles zu zeigen. Licht entscheidet vielmehr darüber, was der Betrachter zuerst sieht – und was er erst später entdeckt.
Genau diese Entscheidung macht aus einem technisch guten Bild ein Porträt mit Charakter.
Eine überraschend einfache Technik
Dieses Bild entstand nicht in einem großen Studio. Nicht mit mehreren Blitzen. Nicht mit einem aufwendigen Licht-Setup.
Die gesamte Ausrüstung bestand aus einer Nikon Z9, dem NIKKOR Z 50 mm f/1.8 S, einem Godox AD300 Pro und einer großen Softbox. Mehr war nicht nötig.
Die eigentliche Idee entstand durch einen Zufall. Im Raum befand sich eine Wand mit vertikalen Holzpaneelen.
Anstatt den Blitz direkt auf das Modell zu richten, positionierte ich die große Softbox bewusst hinter diesen Paneelen – sehr nahe am Gesicht.
Das weiche Licht der Softbox fiel dadurch nicht flächig auf das Modell. Die Holzpaneele teilten es in schmale Lichtbahnen. So entstanden die markanten Lichtstreifen auf Stirn, Auge, Nase und Wange.
Nicht der Blitz erzeugte diesen Look. Die Holzstruktur formte das Licht.
Für mich war genau das der spannendste Moment des gesamten Shootings.
Warum eine große Softbox?
Viele Fotografen würden für einen solchen Look vermutlich eine kleine Lichtquelle wählen. Ich habe bewusst den umgekehrten Weg gewählt.
Eine große Softbox erzeugt zunächst ein sehr weiches Licht. Erst die Holzpaneele verleihen diesem Licht Struktur. Dadurch entstehen klare grafische Linien, während die Übergänge auf der Haut weich und natürlich bleiben.
Genau diese Kombination macht das Bild ruhig. Fast malerisch.
Warum das NIKKOR Z 50 mm f/1.8 S?
Bei Fine-Art-Porträts werden häufig Brennweiten zwischen 85 und 135 Millimetern empfohlen. Für dieses Shooting wäre das jedoch nicht die richtige Entscheidung gewesen.
Die Aufnahmen entstanden in einer kleinen Wohnung. Mit einem längeren Objektiv hätte ich deutlich mehr Abstand zum Modell benötigt.
Das NIKKOR Z 50 mm f/1.8 S bot genau den Bildwinkel, den ich gesucht habe. Natürlich. Direkt. Unaufdringlich.
Hinzu kommt eine außergewöhnliche Schärfe bereits bei Offenblende. Es gehört für mich zu den Objektiven, die weit häufiger eingesetzt werden sollten, als es in der Praxis oft der Fall ist.
Der wichtigste Schritt passierte nicht beim Fotografieren.
Das fertige Bild entstand zunächst in Farbe. Eigentlich gefiel mir die Aufnahme bereits direkt auf dem Display der Kamera.
Als ich sie später am großen Monitor betrachtete, bemerkte ich jedoch etwas. Die Farben erzählten plötzlich ihre eigene Geschichte.
Die warmen Holztöne. Die Haut. Die Lippen. Mein Blick wanderte ständig zwischen diesen Farben hin und her.
Aber genau darum sollte es nie gehen. Ich wollte, dass der Blick dem Licht folgt. Nicht den Farben.
Ich entwickelte deshalb eine erste Schwarzweiß-Version. Innerhalb weniger Sekunden war klar: Genau so hatte ich mir das Bild vorgestellt.
Plötzlich verschwanden alle Ablenkungen. Übrig blieben nur noch Licht. Schatten. Form. Ausdruck.
Für mich bedeutet Schwarzweiß deshalb nicht den Verzicht auf Farbe. Schwarzweiß ist eine bewusste Entscheidung. Es reduziert ein Bild auf das, was wirklich wichtig ist. Und genau dadurch entsteht oft eine Zeitlosigkeit, die Farbe nicht immer erreichen kann.

Adobe Camera Raw war der letzte Schritt – nicht der erste
Natürlich wurde das Bild anschließend in Adobe Camera Raw entwickelt. Highlights wurden reduziert. Die Schwarztöne vertieft. Gesicht und Augen selektiv maskiert. Mehr war kaum notwendig.
Denn die eigentliche Bildbearbeitung hatte bereits lange vorher begonnen. In dem Moment, als die Position der Softbox feststand. Als ich entschied, das Licht nicht direkt auf das Gesicht fallen zu lassen. Und als klar wurde, dass die Holzpaneele ein wesentlicher Teil der Bildgestaltung sein würden.
Für mich beginnt Bildbearbeitung deshalb nicht am Computer. Sie beginnt mit Licht.
Mein Fazit
Wenn ich heute gefragt werde, wodurch dieses Bild entstanden ist, lautet meine Antwort nicht: Durch eine Nikon Z9. Nicht durch einen Godox AD300 Pro. Und auch nicht durch Adobe Camera Raw.
Dieses Bild entstand durch Entscheidungen. Die Entscheidung, mit nur einer Lichtquelle zu arbeiten. Die Entscheidung, das Licht bewusst zu formen. Und die Entscheidung, Farben dort wegzulassen, wo sie von der eigentlichen Bildidee ablenken.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Aufgabe eines Fotografen. Nicht möglichst viel zu zeigen. Sondern genau zu wissen, was sichtbar sein muss.

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Vielleicht ist die wichtigste Aufgabe eines Fotografen nicht, möglichst viel zu zeigen, sondern genau zu wissen, was sichtbar sein muss.



