Keine fünf Minuten zuvor ist man noch ganz normal auf der Donauinsel unterwegs. Radfahrer, Läufer, Spaziergänger, Donau, Stadt.
Dann geht man ein paar Schritte zwischen die Bäume und steht vor einem Steinkreis.
Große Steine, teilweise mehrere Meter hoch, stehen in einem kleinen Wäldchen. In der Mitte befindet sich ein gespaltener Stein. Das Licht fällt nur stellenweise durch die Bäume. Von Wien ist plötzlich erstaunlich wenig zu sehen.
Der Platz wird manchmal „Little Stonehenge“ genannt.
Und wenn man zum ersten Mal dort steht, versteht man, warum.
Nur: Besonders alt ist dieses Wiener Stonehenge nicht.
Der Steinkreis auf der Donauinsel wurde 1990 von Herbert Wimmer errichtet. Die Anordnung der Steine folgt astronomischen Gesichtspunkten. Sonnenwenden und Tag-Nacht-Gleichen lassen sich über den Sonnenstand und die Position der Steine ablesen.
Mich hat aber zunächst etwas anderes interessiert.
Ich kannte den Platz und hatte schon länger den Gedanken: Was könnte man hier fotografieren?
Nicht als Dokumentation des Steinkreises. Und auch nicht als Versuch, aus der Donauinsel einen prähistorischen Kultplatz zu machen.
Sondern als fotografische Serie.
So entstand BETWEEN STONES.

Ein Ort, der schon fast genug mitbringt
Für das Shooting mit Tiana brauchten wir nicht viel.
Das helle Kleid war ein bewusster Gegensatz zu den Steinen, dem Wald und dem dunklen Grün. Keine historische Kleidung, kein Kostüm und keine erfundene Figur.
Wir begannen einfach mit dem Ort.
Tiana zwischen den Steinen, direkt davor, sitzend, stehend, in Bewegung. Einmal mit viel Umgebung im Bild, dann wieder so nah, dass kaum mehr zu erkennen ist, wo das Foto entstanden ist.


Dabei zeigte sich ziemlich schnell, dass der Steinkreis fotografisch vor allem wegen eines Elements interessant ist, das man auf den ersten Blick leicht unterschätzt:
das Licht.
Zwischen den Bäumen wechseln helle Stellen und tiefer Schatten auf wenigen Metern. Ein Schritt nach links kann reichen und ein Gesicht liegt im Dunkeln. Ein paar Meter weiter fällt Licht auf Haut und Kleid, während der Hintergrund fast verschwindet.
Das war wesentlich interessanter, als den Platz künstlich spektakulärer machen zu wollen.
Also haben wir genau damit gearbeitet.

Wie mystisch darf es werden?
Bei einem Steinkreis liegt die Versuchung natürlich nahe.
Dunkler machen. Dramatischer bearbeiten. Noch ein bisschen mehr Geheimnis hineinbringen.
Nur braucht dieser Platz das eigentlich nicht.
Die Wirkung entsteht bereits durch die großen Steine, den Wald und das Licht. Dazu kommt Tiana in einem Kleid, das sich deutlich von seiner Umgebung absetzt.
Deshalb haben wir auch bei der Bearbeitung nicht versucht, aus dem Steinkreis etwas zu machen, das er nicht ist.
Die dunklen Bereiche durften dunkel bleiben. Das Grün wurde zurückgenommen. Die Steine sollten ihre Struktur behalten, während Haut und Kleid heller und weicher wirken.
Mehr war nicht notwendig.

Und genau daraus entstanden sehr unterschiedliche Bilder.
Bei manchen erkennt man sofort einen Menschen in einem Steinkreis. Bei anderen bleiben fast nur Körper, Stein und Licht übrig.
Alle entstanden am selben Ort.
Teilweise nur wenige Meter voneinander entfernt.

Und das soll Wien sein?
Das gefällt mir an BETWEEN STONES wahrscheinlich am meisten.
Wenn man einige der Bilder ohne Erklärung sieht, kommt man nicht unbedingt sofort auf die Donauinsel.
Dabei befindet sich der Steinkreis mitten in Wien, im 22. Bezirk, zwischen Praterbrücke und Stadlauer Ostbahnbrücke.
Wir verbinden Wien fotografisch meist mit ziemlich eindeutigen Bildern: Stephansdom, Ringstraße, Schönbrunn, Kaffeehäuser, Innenstadt.
Zu Recht.
Aber wenn man hier lebt und fotografiert, wird irgendwann die andere Seite interessanter.
Die Orte, an denen man vielleicht schon vorbeigefahren oder vorbeigelaufen ist. Plätze, die in keinem Reiseführer auf den ersten Seiten stehen. Und Stellen, die auf einem Foto plötzlich ganz anders aussehen können, als man sie selbst wahrgenommen hat.
Der Steinkreis ist so ein Platz.
Man muss dafür nicht nach Island fliegen.
Manchmal genügt die Donauinsel.

Die Location macht noch kein Bild
Das Shooting hat für mich auch wieder gezeigt, wie relativ der Begriff „Fotolocation“ eigentlich ist.
Natürlich kann man nach spektakulären Orten suchen. Und ein außergewöhnlicher Hintergrund kann einem Fotografen einiges abnehmen.
Interessanter wird es für mich aber dann, wenn die Location nur der Anfang ist.
Was lasse ich überhaupt davon im Bild?
Wie groß ist der Mensch im Verhältnis zu seiner Umgebung?
Was passiert, wenn ich mich nicht vor den schönsten Stein stelle, sondern seitlich davon?
Was macht das vorhandene Licht?
Und wann wird aus einem Foto von einem Menschen an einem interessanten Ort tatsächlich eine zusammenhängende Serie?

Bei BETWEEN STONES haben wir darauf nicht vorher für jedes Bild eine Antwort festgelegt.
Wir haben ausprobiert.
Manches funktionierte. Manches nicht. Und einige der Bilder, die mir heute am besten gefallen, waren vorher so nicht geplant.
Das ist wahrscheinlich der größte Luxus eines freien fotografischen Projekts: Man darf einer Idee folgen, ohne bereits zu wissen, wo sie endet.
BETWEEN STONES
Am Ende wurde aus einem Platz auf der Donauinsel eine Serie, die für mich weniger von Mystik handelt als vom Sehen.
Davon, wie unterschiedlich ein Ort wirken kann.
Und davon, dass man für interessante Bilder nicht zwangsläufig immer neue und spektakulärere Locations braucht.
Vielleicht lohnt es sich manchmal mehr, bei einem bekannten Ort stehen zu bleiben und sich eine einfache Frage zu stellen:
Was habe ich hier noch nicht gesehen?
Ich werde diese Frage in Wien jedenfalls noch öfter stellen.

BETWEEN STONES · Wien 2026
Model: Tiana · @ti_auraa
Fotografie: Peter Scholz · SCHOPHO
Der Steinkreis auf der Donauinsel – Lage und Hintergrund
Wer den Steinkreis auf der Donauinsel in Wien selbst besuchen möchte, findet ihn im 22. Bezirk (Donaustadt) in einem kleinen Wäldchen zwischen der Praterbrücke und der Stadlauer Ostbahnbrücke.
Die Anlage wurde 1990 von Herbert Wimmer errichtet. Sie besteht aus mehreren Kreisen und einem gespaltenen Stein im Zentrum. Die Anordnung dient als astronomischer Kalender und ermöglicht unter anderem die Bestimmung der Sommer- und Wintersonnenwende sowie der Tag-Nacht-Gleichen im Frühling und Herbst.
Der Steinkreis ist damit kein prähistorisches Wiener Stonehenge. Die Bezeichnung „Little Stonehenge“ beschreibt vielmehr den ungewöhnlichen Eindruck der Anlage.
Wer sich genauer mit Geschichte und Funktion beschäftigen möchte, findet weitere Informationen bei:
Austriasites – Steinkreis Donauinsel
Wiener Bezirksblatt – Little Stonehenge: Wiens mystische Steine
Was habe ich hier noch nicht gesehen?



