Der Michelberg ist normalerweise ein ziemlich ruhiger Ort.
Von Wien aus ist man schnell dort, und trotzdem fühlt es sich oben auf dem Berg bereits nach Weinviertel an. Rund um die kleine Kapelle gibt es vor allem Wiesen, Himmel und einen Blick, der an klaren Tagen erstaunlich weit reicht. Ich war schon oft hier, meistens am späten Nachmittag oder in der Nacht. Für Astrofotografie ist der Michelberg einer meiner Lieblingsplätze in der Nähe von Wien, aber genauso gerne komme ich wegen der Sonnenuntergänge hierher.
Am 12. August 2026 war von der gewohnten Ruhe allerdings nicht viel übrig.
Schon beim Hinauffahren wurde deutlich, dass ich an diesem Abend nicht der Einzige mit dieser Idee gewesen war. Rund um die Kapelle saßen Menschen auf Decken und Campingstühlen, dazwischen standen Kameras und Teleskope, immer mehr Leute kamen dazu. Ich habe den Michelberg schon oft erlebt, aber noch nie annähernd so voll.
Und trotzdem passte es.
Denn an diesem Abend warteten alle auf dasselbe.
409 Meter über dem Weinviertel
Der Michelberg liegt bei Haselbach in der Gemeinde Niederhollabrunn im Bezirk Korneuburg. Mit 409 Metern ist er die höchste Erhebung des Rohrwalds und Teil der Waschbergzone. Spektakulär klingt das zunächst nicht. Wer einmal oben gestanden ist, versteht aber schnell, warum der Berg seit Jahrhunderten Menschen anzieht.
Die offene Lage macht den Unterschied. Der Blick geht weit über das Weinviertel hinaus, bei guter Sicht bis nach Wien und in den Alpenraum. Vor allem gegen Abend bekommt der Platz eine besondere Qualität, wenn die Landschaft langsam dunkler wird und über ihr noch lange der Himmel steht.
Auch die Geschichte des Michelbergs reicht weit zurück. Archäologische Funde belegen eine Besiedlung bereits in vorgeschichtlicher Zeit; gegen Ende der frühen Bronzezeit befand sich auf dem Berg ein Wall- und Grabensystem. Später wurde er zu einem religiösen Ort. Bereits um das Jahr 1000 soll hier ein Gotteshaus bestanden haben, im 18. Jahrhundert entwickelte sich der Michelberg zu einem Wallfahrtsziel. Die heutige Michaelskapelle stammt aus den Jahren 1866/67.
Von all dem muss man allerdings nichts wissen, um den Platz zu mögen.
Ich mag ihn vor allem, weil hier oben nicht viel zwischen einem selbst und dem Himmel liegt.
Und genau darum ging es an diesem Abend.
19:20 Uhr
Durch das lange Teleobjektiv sah die Sonne zunächst aus wie an vielen anderen Abenden: eine fast perfekte orangefarbene Scheibe vor schwarzem Hintergrund.
Die erste Aufnahme meiner späteren Serie entstand um 19:20 Uhr.
Vier Minuten später war am rechten Rand erstmals zu erkennen, weshalb wir alle gekommen waren.


Der Mond begann sich vor die Sonne zu schieben.
Was mit einer kleinen Kerbe begann, wurde von Aufnahme zu Aufnahme deutlicher. Um 19:27 Uhr war die Veränderung bereits klar zu erkennen, um 19:31 Uhr fehlte ein beträchtlicher Teil der Sonnenscheibe.


Das Interessante war, dass gleichzeitig zwei Bewegungen stattfanden. Der Mond schob sich immer weiter vor die Sonne, während diese selbst langsam dem Horizont entgegenwanderte.
Dadurch veränderte sich nicht nur ihre Form, sondern auch ihre Farbe.
19:35 – 19:51 Uhr
Ich fotografierte weiter in Abständen von wenigen Minuten.
Dabei entstand etwas, das ich während des Fotografierens selbst noch gar nicht richtig wahrnahm. Aus der orangefarbenen Scheibe wurde langsam eine abstrakte Form. Zuerst fehlte nur ein Stück, dann fast die Hälfte. Gleichzeitig wurde das Orange immer dunkler.




Um 19:51 Uhr erinnerte kaum noch etwas an die Sonne, die ich eine halbe Stunde zuvor fotografiert hatte.
Vor mir stand immer noch dieselbe Kamera am selben Platz. Im Sucher sah die Welt inzwischen vollkommen anders aus.
Die letzten zehn Minuten
Gegen 20 Uhr blieb nur noch eine schmale Sichel übrig.

Je näher die Sonne dem Horizont kam, desto stärker machte sich auch die Atmosphäre bemerkbar. Das Licht verlor sein Orange und wurde tiefrot, die Konturen wurden weicher und in den letzten Aufnahmen tauchten dunkle Strukturen vor der Sonnensichel auf.


Um 20:10 Uhr entstand mein letztes Bild.

Nur noch ein schmaler roter Bogen war zu sehen, unmittelbar über dem Horizont.
Dann war die Sonne weg.
Und etwas passierte, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte.
Die Menschen rund um die Kapelle begannen zu applaudieren.
Erst einige, dann immer mehr.
Nach fast einer Stunde, in der Hunderte Menschen gemeinsam in dieselbe Richtung geschaut hatten, bekam die untergehende Sonne Applaus.
Ich stand hinter meiner Kamera und musste lachen.
Das war Gänsehaut.
50 Minuten Michelberg
Später habe ich zwölf Aufnahmen dieses Abends zu einer Serie zusammengesetzt.
Die erste entstand um 19:20 Uhr, die letzte um 20:10 Uhr. Dazwischen liegen gerade einmal fünfzig Minuten.

Wenn ich die Serie heute betrachte, gefällt mir daran weniger das einzelne Bild als das, was erst durch alle zwölf Aufnahmen sichtbar wird.
Man sieht, wie sich der Mond vor die Sonne schiebt. Man sieht, wie das Licht wärmer und dunkler wird. Und schließlich bleibt von einer nahezu vollständigen Sonnenscheibe nur noch ein schmaler roter Bogen.
Fünfzig Minuten auf einem einzigen Bild.
Vielleicht gefällt mir die Serie auch deshalb, weil sie ziemlich genau das festhält, weshalb ich gerne an den Michelberg komme.
Ich war dort schon in Nächten, in denen kaum jemand unterwegs war. Ich habe dort Sterne fotografiert und Sonnenuntergänge erlebt, bei denen außer ein paar Menschen niemand zugesehen hat.
Am 12. August war es das genaue Gegenteil. Der Berg war voller Menschen.
Und ausgerechnet dieser eine Abend hat mir wieder gezeigt, warum ich diesen Platz so mag.
Nicht weil dort jedes Mal etwas Spektakuläres passiert.
Sondern weil man von dort oben einen verdammt guten Platz hat, wenn es passiert.
Partielle Sonnenfinsternis
Michelberg · Niederösterreich
12. August 2026 · 19:20–20:10 Uhr
Photography & Story · Peter Scholz · SCHOPHO
Weiterführende Informationen
Historische und geografische Angaben zum Michelberg nach öffentlich zugänglichen Informationen der Gemeinde Niederhollabrunn.



