Um acht Uhr morgens ist das Café Sperl noch ein anderer Ort.
Nur wenige Gäste sitzen an den Tischen. Die ersten Zeitungen liegen aufgeschlagen neben den Kaffeetassen, Porzellan klirrt, und der Duft frisch zubereiteten Kaffees zieht durch den Raum. Durch die großen Fenster an der Gumpendorfer Straße fällt das Morgenlicht auf Marmortische, dunkles Holz und Möbel, die schon Generationen von Gästen erlebt haben.
Für uns beginnt hier ein Fashion-Shooting.
Ich habe mich bewusst entschieden, ausschließlich mit natürlichem Licht zu fotografieren. Keine Blitzgeräte, keine künstliche Beleuchtung. Nur das Licht, das durch die Fenster fällt, und die Atmosphäre eines Kaffeehauses, das seit 1880 Teil dieser Stadt ist.

Damals war Wien noch Hauptstadt einer Monarchie. Das zunächst als Café Ronacher eröffnete Haus erhielt noch im selben Jahr den Namen Sperl. Künstler, Musiker und Schriftsteller entdeckten das Kaffeehaus als Treffpunkt. Hier begegnete man einander, diskutierte, entwickelte Ideen oder verbrachte einfach den Nachmittag.
Im Café Sperl trafen sich unter anderem Mitglieder der Hagengesellschaft und des Siebenerclubs. Letzterer gehört zur Vorgeschichte der Wiener Secession. Auch der Komponist Franz Lehár zählte zu den bekannten Stammgästen.
Wenn man heute durch diese Räume blickt, ist diese Vergangenheit noch spürbar. Nicht als museale Inszenierung, sondern in den Spiegeln, den hohen Decken, den dunklen Holzvertäfelungen und jener besonderen Patina, die sich über Jahrzehnte entwickelt.
Das Sperl muss seine Geschichte nicht ausstellen. Sie ist Teil des Raumes.

Für die Fotografie sind gerade diese Räume faszinierend – und anspruchsvoll.
Die großen Fenster sind Freund und Feind zugleich. Sie schenken ein Licht, das Gesichter beinahe malerisch modellieren kann. Gleichzeitig entstehen harte Kontraste, tiefe Schatten und Spiegelungen, die sich nicht kontrollieren lassen wie in einem Studio.
Wenige Schritte verändern ein Bild vollständig.
Manchmal genügt eine kleine Bewegung, damit ein Gesicht aus dem Schatten tritt. Manchmal ist es gerade die Dunkelheit, die einem Porträt seine Spannung gibt. Und manchmal entsteht durch eine Spiegelung eine zusätzliche Ebene, die man vorher nicht geplant hat.
Ich wollte diese Eigenheiten nicht beseitigen. Sie sollten Teil der Fotografien werden.



Während wir arbeiten, verändert sich das Café.
Die wenigen Gäste des frühen Morgens werden mehr. Gespräche beginnen, Stühle rücken, Kellner bewegen sich zwischen den Tischen. Der Kaffeehausbetrieb findet seinen Rhythmus.
Wir fotografieren während der regulären Öffnungszeiten und bemühen uns, niemanden zu stören. Gleichzeitig ist genau dieser laufende Betrieb ein wesentlicher Teil dessen, was ich hier erleben wollte.
Ein leergeräumtes Café wäre vielleicht einfacher zu fotografieren gewesen. Aber es wäre nicht dasselbe gewesen.
Zwischen den Aufnahmen nehmen wir uns Zeit, beobachten das Geschehen und trinken eine durchaus beachtliche Anzahl an Melangen und großen Braunen.

Das Wiener Kaffeehaus war immer mehr als ein Ort, an dem Kaffee serviert wird.
Es war Treffpunkt und Wohnzimmer, Lesesaal und manchmal Arbeitsplatz. Man kam, um jemanden zu sehen, eine Zeitung zu lesen, sich in ein Gespräch zu vertiefen oder für eine Weile seine Ruhe zu haben.
Und man konnte allein sein, ohne einsam zu sein.
Dieser Gedanke gefällt mir besonders. Ein öffentlicher Raum, in dem niemand erwartet, dass man ständig etwas tut. Wo ein Nachmittag nicht effizient sein muss und ein Gespräch kein bestimmtes Ziel braucht.
Seit 2011 gehört die Wiener Kaffeehauskultur zum immateriellen Kulturerbe Österreichs. Eine Anerkennung für eine Lebensart, die weit über die Einrichtung eines Lokals hinausgeht.

Viele traditionelle Wiener Kaffeehäuser sind im Lauf der Jahrzehnte verschwunden. Andere haben sich verändert, manchmal so sehr, dass kaum etwas von ihrem ursprünglichen Charakter geblieben ist.
Das Café Sperl ist eines jener Häuser, in denen man noch eine Verbindung zwischen den Jahrhunderten spürt.
Es gibt hier Oberflächen, die nicht neu aussehen müssen. Möbel, die Gebrauchsspuren tragen dürfen. Ecken, in denen das Licht zurückhaltend bleibt.
Vielleicht liegt darin eine Form von Eleganz, die heute selten geworden ist: die Gelassenheit, nicht jedem Trend folgen zu müssen.
Für unser Editorial wollte ich genau dazu einen Gegenpol schaffen.
Zeitgenössische Mode in einem historischen Raum. Eine moderne Körpersprache zwischen Spiegeln, Holz und Marmor. Bilder, die weder Vergangenheit nachstellen noch den Ort bloß als schöne Kulisse verwenden.

Das Schwierigste an einem solchen Shooting ist nicht die Technik.
Es ist die Suche nach einer eigenen Interpretation.
Ein außergewöhnliches Interieur macht noch keine außergewöhnliche Fotografie. Und ein schöner Fashion-Look allein erzählt noch keine Geschichte.
Entscheidend ist der Augenblick, in dem Licht, Raum und Mensch etwas miteinander beginnen. Wenn eine Haltung plötzlich zur Architektur passt. Wenn ein Blick aus dem Fenster mehr erzählt als eine direkte Pose. Wenn eine Reflexion nicht stört, sondern das Bild erst interessant macht.
Solche Momente lassen sich vorbereiten. Erzwingen kann man sie nicht.

Als wir unsere Kameras schließlich einpacken, ist vom ruhigen Beginn um acht Uhr nicht mehr viel übrig. Das Café ist lebendig, die Tische sind besetzt, neue Gäste kommen hinzu.
Für das Sperl geht ein ganz gewöhnlicher Vormittag weiter.
Ich nehme eine Serie von Fotografien mit, die ohne diesen Ort nicht entstanden wäre. Nicht nur wegen seines Interieurs, sondern wegen seines Lichts, seiner Geschichte und der Menschen, die es täglich mit Leben füllen.
Als ich wieder auf die Gumpendorfer Straße trete, denke ich daran, wie viele Menschen in den vergangenen 146 Jahren wohl durch dieselbe Tür gegangen sind.
Manche kamen, um jemanden zu treffen. Andere, um für eine Weile allein zu sein. Viele wahrscheinlich einfach wegen eines guten Kaffees.
Das Café Sperl wird auch morgen wieder seine Türen öffnen.
Und genau darin liegt für mich seine besondere Schönheit.
Fotografie & Creative Direction: Peter Scholz | SCHOPHO
Model: Izunia Motyl · @izunia.motyl
Location: Café Sperl, Gumpendorfer Straße 11, 1060 Wien
Fashion Editorial · Wien · 2026
Mein herzlicher Dank gilt dem Team des Café Sperl, das uns ermöglicht hat, während des regulären Kaffeehausbetriebs zu fotografieren. Wir haben uns bemüht, den Ablauf so wenig wie möglich zu beeinträchtigen, und durften dabei die besondere Atmosphäre dieses Hauses unmittelbar erleben.


