Läuferin Birgit Pfeifer im roten Laufdress auf einer Laufbahn in Wien
    Hinter der Linse

    THE ART OF RUNNING

    Birgit Pfeifer. 18 Jahre Laufen. Und die Frage, was uns immer wieder an die Startlinie zurückbringt.

    7 Min. Lesezeit

    Birgit Pfeifer liegt mitten auf der Laufbahn.

    Rotes Laufdress, orange Schuhe, über ihr die Sonne. Die weißen Linien ziehen an ihrem Körper vorbei. Für einen Moment passiert nichts.

    Keine Bewegung. Keine Geschwindigkeit. Keine Zeit.

    Eigentlich ein merkwürdiges Bild für eine Geschichte über das Laufen.

    Vielleicht ist es gerade deshalb das richtige.

    Denn als wir dieses Shooting planten, interessierte mich nicht die Frage, wie man eine Läuferin möglichst dynamisch fotografiert. Davon gibt es Millionen Bilder.

    Mich interessierte etwas, das sehr viel schwieriger zu fotografieren ist.

    Was bringt einen Menschen dazu, immer wieder loszulaufen?

    Bei Birgit beginnt die Antwort vor 18 Jahren.

    Es begann mit einer Katastrophe.

    So nennt sie selbst ihren ersten Fünf-Kilometer-Lauf beim Liesinger Herbstlauf.

    Die Idee war denkbar unkompliziert: einfach mitlaufen, dabei sein.

    Dann kamen die anderen.

    Die Jungen liefen vorbei. Die Älteren liefen vorbei. Gefühlt liefen überhaupt alle vorbei.

    Man könnte an dieser Stelle feststellen, dass Laufen vielleicht doch nicht die richtige Sportart ist.

    Birgit zog einen anderen Schluss.

    “Da war dann das Feuer entfacht.”

    Sie wollte fitter werden. Ausdauernder. Und sie wollte wissen, was möglich ist.

    Aus gelegentlichem Laufen wurde strukturiertes Training. Sie absolvierte eine Lauftrainer-Ausbildung, war jahrelang beim Österreichischen Frauenlauf tätig und arbeitete sich von fünf Kilometern bis zum Marathon vor.

    Birgit Pfeifer konzentriert in Startposition auf der Laufbahn

    18 Jahre später steht sie noch immer an Startlinien.

    Vielleicht ist das bereits die interessanteste Definition von Leidenschaft.

    Nicht, wie enthusiastisch etwas beginnt.

    Sondern wie lange es bleibt.

    Die Startlinie bleibt dieselbe. Der Mensch davor nicht.

    Ich bitte Birgit, in den Startblock zu gehen.

    Nicht für einen Wettkampf. Für ein Bild.

    Die Hände liegen auf der Bahn, der Körper spannt sich, der Blick geht nach vorne. Für einen Augenblick ist alles konzentriert auf das, was als Nächstes kommt.

    Birgit Pfeifer im roten Laufdress unmittelbar vor dem Start

    Dieser Sekundenbruchteil vor dem Start fasziniert mich.

    Noch ist nichts entschieden.

    Vielleicht liegt darin eine Parallele zu Birgits Geschichte.

    Denn 18 Jahre Laufen bedeuten nicht 18 Jahre Erfolg.

    Sie bedeuten auch Achillessehnenprobleme. Einen Fußbruch. Zeiten, in denen Laufen nur eingeschränkt möglich war.

    Birgit erzählt davon ohne großes Drama.

    “Aufgeben war keine Option.”

    Wenn ein Ziel nicht mehr erreichbar war, musste eben ein anderes her.

    Über ihren Verein ProTeam Vienna kam die Bahn dazu. Aus der Langstreckenläuferin wurde eine Athletin, die plötzlich auch über 100 Meter startete – und über viele Distanzen dazwischen bis hin zu 5.000 und 10.000 Metern.

    Und wieder gab es etwas, das sie noch nicht hatte.

    Meisterschaftsmedaillen.

    Birgit Pfeifer beim dynamischen Start auf einer Wiener Laufbahn

    Also lief sie ihnen entgegen.

    Erfolg sieht man meistens erst am Ende.

    2026 wurde ein besonderes Jahr.

    Bei den österreichischen Masters-Hallenmeisterschaften gewann Birgit nach eigenen Angaben einmal Silber und dreimal Bronze.

    Im Mai folgte auf der Bahn ein weiterer Höhepunkt: Über 10.000 Meter gewann Birgit für ProTeam Vienna die W60-Wertung der Wiener Landesmeisterschaften in 57:36,44 Minuten – persönliche Bestzeit.

    Auch der Wiener Sommerlaufcup gehörte zu ihrer Saison; Birgit berichtet von einem deutlichen Sieg in ihrer Altersklasse. Wenige Tage vor unserem Shooting folgte ein weiterer Altersklassensieg beim Babenbergerlauf.

    Das sind die Fakten.

    Sie erzählen nur erstaunlich wenig darüber, wie Erfolg entsteht.

    Eine Ergebnisliste kennt keine Trainingseinheit an einem kalten Morgen. Sie kennt keinen inneren Schweinehund, keine Verletzung und keinen Tag, an dem das Sofa überzeugender wirkt als die Laufschuhe.

    Sie kennt nur Startnummer, Zeit und Platzierung.

    Vielleicht interessiert mich deshalb das, was zwischen diesen Zahlen passiert, wesentlich mehr.

    Birgit Pfeifer im Lauf vor weitem Himmel in Wien

    Denn natürlich fotografieren wir an diesem Nachmittag auch Bewegung.

    Birgit läuft.

    Immer wieder.

    Aber ich merke schnell: Die Bilder werden dann interessant, wenn sie nicht einfach erklären, was sie tut.

    Sondern etwas davon spüren lassen, was es ihr bedeutet.

    Wie sieht Leidenschaft aus?

    Das war irgendwann die eigentliche Frage dieses Shootings.

    Und damit veränderte sich die Laufbahn.

    Sie war nicht länger nur der Ort, an dem wir fotografierten.

    Sie wurde Teil des Bildes.

    Läuferin Birgit Pfeifer zwischen den geschwungenen Linien einer Laufbahn

    Die weißen Bahnmarkierungen ziehen Kurven durch die Komposition. Der rote Belag wird zur Farbfläche. Der Himmel bekommt Raum. An anderer Stelle lassen wir die Umgebung fast vollständig in der Dunkelheit verschwinden.

    Manchmal bin ich mit der Kamera sehr nah an Birgit.

    Dann wieder so weit entfernt, dass die Athletin klein innerhalb der Geometrie der Bahn erscheint.

    Wir fotografieren von unten.

    Von oben.

    Im Lauf.

    Im Startblock.

    Und manchmal tun wir etwas, das bei einem Laufshooting zunächst völlig widersinnig erscheint:

    gar nichts.

    Fine-Art-Portrait von Birgit Pfeifer im Licht auf einer dunklen Laufbahn

    Birgit steht im Licht.

    Der Rest darf dunkel werden.

    Keine Bewegung muss beweisen, dass sie eine Läuferin ist.

    Man sieht es trotzdem.

    Vielleicht ist das jener Punkt, an dem sich für mich ein Athletic Portrait von klassischer Sportfotografie unterscheidet.

    Die entscheidende Frage ist nicht mehr:

    Haben wir den perfekten Laufschritt erwischt?

    Sondern:

    Erzählt dieses Bild etwas über diesen Menschen?

    Und plötzlich wird die Ruhe wichtiger als die Geschwindigkeit.

    Birgit sitzt auf der Laufbahn.

    Birgit Pfeifer sitzend auf der Laufbahn zwischen zwei Laufeinheiten

    Ein paar Minuten zuvor ist sie noch für uns gelaufen. Jetzt ruht sie.

    Ich mag dieses Bild gerade deshalb.

    Denn Leidenschaft besteht nicht ausschließlich aus spektakulären Augenblicken.

    Meistens sieht sie sehr viel unscheinbarer aus.

    Wiederholung.

    Training.

    Konsequenz.

    Und manchmal schlicht die Entscheidung, etwas heute zu tun, obwohl man es genauso gut auf morgen verschieben könnte.

    Birgit kennt diese Momente.

    Natürlich, sagt sie, kenne auch sie die Wohlfühlzone.

    Aber zweimal pro Woche gehört zusätzlich Krafttraining dazu. Nicht weil jeden Morgen die Motivation an die Tür klopft.

    Sondern weil sie eine klare Unterscheidung macht:

    “Motivation ist wichtig, aber Disziplin der Schlüssel.”

    Vielleicht ist genau das die Verbindung zwischen Sport und Fotografie, die mich an diesem Nachmittag immer stärker interessiert.

    Die außergewöhnlichen Ergebnisse entstehen selten im außergewöhnlichen Moment.

    Sie entstehen durch all das, was davor immer wieder getan wurde.

    Irgendwann geht es nicht mehr darum, jemand anderem davonzulaufen.

    Portrait der Läuferin Birgit Pfeifer von ProTeam Vienna

    Birgit schaut direkt in die Kamera.

    Kein Lauf.

    Keine Pose, die Geschwindigkeit suggerieren soll.

    Nur ein Portrait.

    Und vielleicht erzählt gerade dieses Bild mehr über Erfolg als manches Zielfoto.

    Birgit freut sich über ihre Medaillen. Natürlich.

    Aber wenn sie darüber spricht, warum sie heute läuft, kommt ziemlich schnell ein anderer Satz:

    “Am Ende geht es vor allem darum, weiterhin fit und beweglich zu bleiben.”

    Und dann noch einer:

    “Laufen macht den Kopf frei und ist und bleibt meine große Leidenschaft.”

    Damit verändert sich auch die Bedeutung von Erfolg.

    Es geht nicht mehr ausschließlich darum, schneller zu sein als jemand anderes.

    Erfolg kann bedeuten, nach einer Verletzung zurückzukommen.

    Mit sechzig ein neues sportliches Ziel zu verfolgen.

    Oder nach 18 Jahren noch immer neugierig darauf zu sein, was der eigene Körper leisten kann.

    Das Alter ist dabei keine Botschaft.

    Es ist lediglich eine Zahl in der Ergebnisliste.

    Die Medaillen kommen ganz zum Schluss.

    Nicht nur in diesem Artikel.

    Auch beim Shooting.

    Birgit nimmt sie in beide Hände und hält sie vor die Kamera.

    Gold. Silber. Bronze. Viele Jahre Training plötzlich auf wenigen Quadratzentimetern Metall verdichtet.

    Birgit Pfeifer hält ihre Lauf- und Meisterschaftsmedaillen in die Kamera

    Es ist wahrscheinlich das offensichtlichste Bild unserer gesamten Serie.

    Und gleichzeitig eines, das die Geschichte auf den Kopf stellt.

    Denn jetzt sehen wir endlich den Erfolg.

    Nur den Weg dorthin sehen wir nicht.

    Keine dieser Medaillen erzählt von jenem ersten Fünf-Kilometer-Lauf, bei dem Birgit von allen überholt wurde.

    Keine von der Achillessehne.

    Keine vom Fußbruch.

    Keine vom Krafttraining.

    Keine von den unzähligen Kilometern.

    Und keine von der Entscheidung, es morgen wieder zu tun.

    Vielleicht brauchen wir deshalb Geschichten.

    Und vielleicht brauchen wir Fotografien, die mehr versuchen, als einen sportlichen Moment korrekt einzufrieren.

    Was bleibt von dem, was uns antreibt?

    Jeder Läufer kennt seine Zeiten.

    Kilometer.

    Bestleistungen.

    Startnummern.

    Vielleicht gibt es Urkunden, Pokale und irgendwann eine Schachtel voller Medaillen.

    Aber Leidenschaft lässt sich schwerer aufbewahren.

    Genau deshalb wollte ich diese Bilder machen.

    Nicht als klassische Sportreportage.

    Nicht als Sammlung perfekter Laufbewegungen.

    Sondern als Portrait eines Menschen und einer Sache, die seit 18 Jahren zu seinem Leben gehört.

    Fine Art bedeutet für mich dabei nicht, Wirklichkeit künstlich schöner zu machen.

    Es bedeutet, Licht, Perspektive, Farbe, Raum und den richtigen Moment so bewusst einzusetzen, dass ein Bild mehr erzählt als das Offensichtliche.

    Aus einer Laufbahn wird eine Bühne.

    Aus Bewegung wird Form.

    Aus Stille wird Spannung.

    Und aus einem Sportshooting entsteht eine persönliche Geschichte.

    Birgit hat am Ende ihres Laufberichts einen Satz geschrieben, der mir seitdem im Kopf geblieben ist.

    “Man ist nie zu alt, um zu beginnen.”

    Aber eigentlich ist der Teil unmittelbar davor noch wichtiger.

    Nicht morgen.

    Heute.

    Vor 18 Jahren hat Birgit genau das getan.

    Sie ist losgelaufen.

    Und läuft noch immer.

    Birgit Pfeifer / The Art of Running

    Birgit Pfeifer · Läuferin · ProTeam Vienna
    Vienna · 2026
    Photography · Peter Scholz / SCHOPHO
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    9. September 2026

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